Fun and success in Briancon

- Deutsche Pünktlichkeit und britischer Humor -

Ja mir ist tatsächlich alles total schleierhaft, aber irgendwann denkst du wieder an die nächste Tour. Du vergisst das Rumsitzen der letzten Tage und malst die nächste Fahrt in rosigen Farben. Am Einstieg wirst du feststellen, dass eigentlich alles genauso ist, wie letztes Mal. Die Berge sind dein Zuhause, aber du bist selten willkommen. „Bleib wo du bist, Freund“, flüstern sie, „du weißt doch, wie stupide das Leben hier ist. Vergiss, was dich hier interessiert!“ Was immer du tust und wo immer du bist – all die Wände, die du schon immer mal machen wolltest, stehen da oben herum und sind abstoßend wie kaum etwas anderes. Doch immer kommt es dir vor, als ob sie nur auf dich warten.
Und sie warten nicht umsonst, irgendwann gibst du nach.

Ich hatte genügend Gründe skeptisch zu sein. Mit Steve hatte ich mich zuletzt erst im April verabredet und die Erinnerungen an diese Fahrt sind alles andere als erquicklich, das Wetter war Scheiße und Steve kam gar nicht erst. Jetzt ist Dezember, mir fällt es schwer, an einen Dezember zurückzudenken, in dem ich erfolgreiche Bergerlebnisse verzeichnen konnte. Meist war das Wetter mies, die Lawinengefahr sehr groß, der Schnee mühsam und die Tage einfach viel zu kurz.
Aber genau so bedenklich war in diesem Dezember die Verfassung meines fahrbaren Untersatzes. Mein Auto war dem Tod nahe, noch nie war es in einem vergleichbar miserablen Gesundheitszustand wie jetzt. Und die Ärzte waren machtlos. „Wir können nichts mehr für ihn tun!“
Ich wollte ihm wenigstens ein würdevolles Sterben ermöglichen, auf einer letzten großen Reise. Insgeheim hoffte ich natürlich, dass er durch die übertragene Aufgabe zu neuem Lebensmut finden würde. Wenn also schon Motorschaden am San Bernadino, was ein durchaus hübsches Ende wäre, dann bitte, bitte auf der Rückfahrt!
Es blieb mir nur das Hoffen, nicht zuletzt, weil ich, wie meistens einige Mitfahrer geladen hatte, die gewiss auch kein direktes Interesse an einem vorzeitigen, abrupten Ende hatten.

Ich glaube es wird lauter, ja Mensch, Mist! Das komische Geräusch wird lauter! Oder doch nicht? Kalter Schweiß tritt mir ganz plötzlich auf die Stirn. Ist es nun der Motor oder ist es die Musik? Hastig drehe ich das Radio leise. Lauschen! Nichts! Ich muss genauer hinhören, aber eigentlich auch wieder nicht. Was nützt es, wenn ich mich hier nervlich fertig mache? Ich sollte mich lieber gelassen zurücklehnen und die Fahrt genießen. Wenn der Motor aufheult, oder gleich ganz auseinander fliegt, nützt es doch auch nichts, wenn ich kurz vorher ein Geräusch gehört habe.
Meine Beifahrerin schläft, sie hat nichts von meinem Stress mitbekommen. Die Fahrt geht weiter, wahrscheinlich habe ich gesponnen. Es wäre zu böse, wenn ich mein Ziel gar nicht erst erreichen würde. Wie oft versagt man in den winterlichen Bergen, wegen Sauwetter, wegen schlechten Schneeverhältnissen und wer weiß, wegen sonst noch was. Das ist auch ok, von mir aus soll es so sein, aber nicht schon bei der Hinfahrt? Es herrschen gute Verhältnisse und ein stabiles Hoch liegt friedlich über den gesamten Alpen. Und ich habe Zeit, es wäre ein Jammer, wenn meine gute alte Hupe hier auf der Anreise kollabieren würde.

Nach schlappen 12 Stunden erreiche ich pünktlich und tatsächlich ohne Panne den Treffplatz in irgendeiner Klitsche zwischen Turin und Sestriere. Steve ist nicht hier, dafür erreicht mich eine Nachricht: „shit, we are 10 minutes late, please wait!“. Da will ich ihm doch glatt mal lehren, was deutsche Pünktlichkeit wirklich bedeutet: „fuck you, it is too late, i am back on the road home!“ Ich wusste, es würde gut werden, ich wusste wir würden jede Menge Spaß haben, nur das mit dem Englisch machte mir Sorgen, würde ich das 5 Tage lang überstehen?
Silvia stammt von hier, deshalb der Treffpunkt, sie besuchte gerade ihre Familie, lebt aber nun schon seit Jahren in London. Neulich hat sie den Fehler gemacht und ist mit Steve zusammengekommen. Jedenfalls begann der Abend des ersten Weihnachtsfeiertages mit Grappa und puddingdicker heißer Schokolade in einer Bar in Pinerolo. Silvia verarschte Steve auf Italienisch, er mich auf Englisch und ich beide zusammen auf Deutsch. So ganz nebenbei fielen die Worte auf unsere Pläne. „La raie des fesses“ war Steves Auserkorene, ein Eisklassiker von Jean Marc Bovin aus dem Jahre 1976. Ich kannte die Tour überhaupt nicht, hatte aber zu Hause im großen, aber zu dieser Route spärlich ausgestatteten Internet herausgefunden, dass es sich um irgendwas im Bereich ED handeln sollte, was letztens ein paar Mal wiederholt wurde, aber irgendwie eine abschreckende Beschreibung bot. Der Name übrigens auch, raie ist der Riss, oder die Spalte und fesses ist der Popo, mal salonfähig formuliert.
Bevor wir uns aber into „the crack of the butt“ begeben wollten, stand leichteres auf dem Programm. Für die Tour mit dem Namen „Fantomas“ war es aber nötig, im Zelt zu schlafen, denn auf 1000 Höhenmeter Zustieg hatten wir vor der Kletterei keine Lust, es sollte ja auch langsam gestartet werden, nicht gleich Vollgas.
Damit wir die Zeltnacht auch gut als Kontrast und Unannehmlichkeit genießen konnten, verbrachten wir noch eine fürstliche Nacht im Anwesen von Silvias Familie, wobei mir die altehrwürdige philosophier- oder Lesestube zugeteilt wurde. Ich konnte gar nicht einschlafen, hatte ich doch noch nie so nobel gelegen.
24 Stunden später: Ich konnte gar nicht einschlafen, hatte ich doch noch nie so unbequem gelegen. Oder zumindest fast nie. Selten würde vermutlich ein ausdrucksstarker Autor hier schreiben. Also fast nie hatte ich so unbequem gelegen. Die Begründung für das unbequem ist schnell geliefert: Es bietet sich einfach nicht an, ein Zelt in verblocktes, Pulverschneebeladenes Gelände zu setzen. Es gibt dort nämlich weder Verankerungsmöglichkeiten noch ebene Liegeflächen.
Dafür gibt es Mulden, Podeste und ins Gesicht flatternde Zeltinnenwände. Vielleicht hätten wir uns einfach einreden sollen, der Untergrund sei in höchstem Maße ergonomisch geformt, aber das fiel uns just in dieser Nacht nicht ein, sondern erst zu Hause im weichen Bett. Und wenn’s mir eingefallen wäre, hätte ich sowieso Probleme bekommen, es Steve auf Englisch zu erklären. Mal ganz davon abgesehen, wird eine alpine Tour doch auch erst zur alpinen Tour, wenn man vorher beschissen schläft. Oder sie wird schwerer, das ist auch eine gute Idee, so kann man sich den Schwierigkeitsgrad für den nächsten Tag selbst bestimmen, je nachdem, wann man sich schlafen legt, wo man sein Zelt hinstellt, wie uneben man den Untergrund macht, wie wenig man isst und trinkt und welchen dünnen Schlafsack man nimmt. Lädt man sich dann zum Frühstück noch eine Flasche Stroh-Rum und lässt die Handschuhe zurück, kann man problemlos aus der F- Tour eine satte TD+ machen, hihi.
So gesehen wars eigentlich doch bequem und wir konnten unseren Fantomas- Gully in guter Manier und vernünftiger Kletterzeit unter die Zacken bringen. Es hat sogar richtig Spaß gemacht. Leider wurde der Spaß dann abrupt durch ein kleines, aber scharfes Eisteilchen während der Abseilfahrt verringert. Eine weitere Seilschaft war nämlich noch in der Route und wohl irgendwo im Schlussteil, da kam das kleine, aber scharfe Eisteilchen auf meine Lippe gesprungen und das, obwohl ich das Gesicht extra nach unten gedreht hatte. Ärgerlich! Blut tropfte auf die Handschuhe und lief mir in den Mund. „Shit it´s a cut!“ teilte mir Steve mit ernsthafter Miene mit. Sein Blick verriet etwa sowas wie „Es ist hart, aber ich muss dich hier alleine zurücklassen, sonst sterben wir beide!“
Natürlich wars nicht ganz so tragisch. Ich musste trotzdem immer an Daniels Lippe denken und wie groß seine Narbe war. Ihm war was ganz ähnliches vor einem Jahr passiert. Nähen lassen, oder nicht? Ich konnte ja nicht mal erkennen, wie es aussah, es fühlte sich nur taub und dick an. Noch vor dem Erreichen des Talbodens fing Steve an, mir weis zu machen, dass die Frauen auf so was abfahren, ich solle glücklich sein dass mir das passiert ist. Zumindest hab ich´s so verstanden, aber es war ja englisch.
Ich wählte lieber mal Daniels Nummer: „Sag mal hast du dir damals deine Fresse nähen lassen, oder ist sie von selbst wieder zusammengewachsen?“ „Hä? Wer? Was? Wie? Wo? – achso, ja, auf jeden Fall! Sonst bildet sich eine fette Wulst!“
„Aha“, dachte ich mir, darauf stehen also die Frauen? Steve meinte nämlich er hätte auch mal so was gehabt und nähen wäre da nicht nötig. Aufgrund von einem fehlenden Arzt kam es dann trotzdem so, ich beließ es beim Selberzusammenwachsen und es ist einigermaßen geworden, kann ich heute beruhigt feststellen.
Trotzdem war ich zunächst einmal gehandicapt. Und zwar extrem, denn lachen ging nicht mehr. Beim Lachen platzte der Grind und der Schlitz klaffte ans Tageslicht, oder besser gesagt an die diffuse, verrauchte Helligkeit in einer Bar in Monetier les Bains.
Steve saß mit bewusst ernster Miene am Tisch, er meinte es gut, aber dieses Gesicht war an sich schon der Nährboden zum Feiern und erst recht mit dieser verstellten, künstlichen Seriosität. Ich schaute weg.
Später zeigte er mir irgendein Foto in einer Zeitung mit einem 20m langen, freihängenden Eiszapfen in sehr großer Höhe. Natürlich hing an dem Zapfen ein Kletterer, der so was Ähnliches wie einen einarmigen Klimmzug machte. Steve schaute mich betroffen an und meinte: „This ist the second pitch of raie des fesses!“
„Fuck you!, shit, shit!“ die Lippen mit aller Kraft parallel gehalten - keine Chance, das Lachen brach mit Leibeskräften ans Tageslicht, oder besser gesagt an die diffuse, verrauchte Helligkeit in einer Bar in Monetier les Bain. „I hate you!“ Soviel Englisch kann ich noch.

Trotz meiner garstigen Behinderung sah uns schon der folgende Tag mit geschwollenen Rucksäcken dem Refuge Cezanne entgegenwackeln. Da die kleine Hütte im Winter unbewirtschaftet und unbeheizbar ist, hatten wir so allerlei Nützliches und Unnützes im Gepäck. Nachdem wir alles in der Hütte abgeworfen hatten, ging es schnurstracks weiter, wir wollten noch unbedingt den Zustieg erkunden. Von der Hütte sind es bis zum Wandfuß läppische 1000 Höhenmeter. Es wäre zu töricht gewesen, davon auszugehen, die Strecke ohne Erkundung am folgenden Morgen in der Dunkelheit zu finden.
Als dann endlich die Nordwand des Pic sans nom ins Blickfeld kam, wurde mir erst das Ausmaß unseres, oder besser gesagt Steves Planes bewusst. Kurzum, ich bekam es mit der Angst zu tun. Ich hatte nun ein doppeltes Problem. Erstens musste ich geeignete Worte finden, um Steve meine Bedenken zu äußern und zweitens musste ich das ganze noch ins Englische übersetzen. Da ich immer ein Stück voraus ging, suchte ich wie wild die Umgebung nach leichteren, kletterbaren Linien ab. Und Tatsache, an einem unbedeutenden Nachbargipfel empfand ich ein Couloir als durchaus lohnend.
Also hieß es warten, dass Steve aufschließen konnte um schnell das Unangenehme zu erledigen: „Hey Steve, i think, i don´t want to go into the „raie des fesses“ tomorow, but look, over there!“ Nur einen ganz kurzen Streifblick würdigte Steve meiner Alternative und im selben Moment ertönte es verächtlich: „WHAT A PUSSY SHIT!“ Eigentlich bräuchte ich hier eine noch nicht erfundene Schriftart, um seine abgrundtiefe Verachtung für dieses Couloir auch nur andeutungsweise zu veranschaulichen. Aber diese Schriftart gibt es nicht. Es muss so gehen.
Mir war natürlich sofort klar, dass ich ihn dazu nicht überreden konnte, also musste eine diplomatische Idee her. Wir einigten uns schnell darauf, dass wir zwar zur „raie des fesses“ gehen, aber sofort abseilen, wenn’s zu schwer oder zu gefährlich wird. Damit hatte er nicht das geringste Problem. Dass man dort genau an den schweren Stellen überhaupt nicht so einfach abseilen kann, wussten wir noch nicht.
Trotz der für mich akzeptablen Abmachung ärgerte mich der überproportionierte Leistungsgedanke. Ich bin doch nur ein ganz normaler Mittelkassealpinist, warum sollte ich also in eine Route einsteigen, in der Hochkommen von vorn herein fast ausgeschlossen war? Ganz einfach mein Freund, weiterentwickeln wirst du dich nicht, wenn du auf der Stelle trittst, sondern nur indem du versuchst, neue Tore aufzustoßen. Und manchmal, wenn nicht gar oft, oder vielleicht sogar immer, lernt man bei einem Rückzug mehr, als bei einer bravourös durchgezogenen Tour.
Eigentlich war unser Ausflug dann weder das eine, noch das andere. Wenn dann aber wohl eher ein Rückzug. Eigentlich aber auch kein richtiger Rückzug, weil wir ja gar nicht unbedingt bis hoch klettern wollten. Auf jeden Fall haben wir eine Menge dazugelernt und es war definitiv eine gute Idee dort einzusteigen.
Beim ellenlangen nächtlichen Zustieg durchbrachen plötzlich zwei weitere Stirnlampen die abgelegene und Angsteinflößende Stille des Glacier Blanc Gletscherbeckens. Die Zwei kamen rasch näher und als sie uns erreichten, stellte sich heraus, dass sie dasselbe Ziel hatten wie wir. Einer der beiden war kein geringerer, als Rich Cross.
Natürlich ließen wir den beiden am Einstieg den Vortritt, wir würden gewiss langsamer klettern, außerdem lockert es eine Bergfahrt etwas auf, wenn ab und zu etwas von oben geflogen kommt. Dann ging’s auf in die Welt des senkrechten Schnees. Steve startete mit einer Aufwärmseillänge, die allerdings an einem Wackelstand mit zwei kleinen Klemmkeilchen an einer schrägen Granitplatte endete. Danach kam ich an die Reihe. Gute Aussichten. Es gab Schneeeis mit 80 bis 85° Steilheit, kletterbar aber kaum abzusichern, danach ein Stand an den Eisgeräten im Fels verklemmt, dazu konnte ich einen mäßigen Haken schlagen. „Hey Steve, komm klink dich ein, mach´s dir bequem!“ „Oh damn, thanks my friend, i´l keep on climbing.“ Er musste nun kurz nach rechts queren um dann in ebenso steilem Schneeeis weiter nach oben zu kommen. Beim ersten Versuch wurde er nervös und er kam zurück, zutschte in der Kletterstellung ein Power-Gel und meditierte eine Minute. Wie er das schaffte war mir ein Rätsel, aber es half und er eierte die wirklich fragile Seillänge hinauf in flacheres Gelände. Nach ein paar gängigeren Seillängen wurde es schottisch. Im Vergleich zu den ersten beiden Längen war der Windverpresste Schlauch allerdings eher Genusskletterei. Dafür gab es wieder einen schlechten Stand an Eisschrauben direkt in einer Spinndrift-Rinne und die folgende Seillänge ging ich nur noch sehr missmutig an. Absolut sicherungsunfreundliches Schneeeis zog in einem Felskessel bis ins senkrechte nach oben. Bäh! Einmal am Tag kann man so was machen, aber für ein zweites Mal fehlte mir eindeutig die Abgebrühtheit. Nach 10 Metern stieg ich vorsichtig zurück und auch Steve wollte keinen Versuch machen. Schade, das wäre die letzte Barriere gewesen und wir hätten die „raie des fesses“ in der Tasche gehabt. Aber auch so konnten wir unser Abenteuer durchaus als Erfolg verbuchen, denn nie zuvor hatten wir so abgefahrene Seillängen, wie die heute geklettert.

Der nächste Tag sah uns in Ailefroide im Gasthof. Verschwitzt, stinkend, nach einer knappen Woche mit fettigen Haaren und einer dicken, vergrindeten Lippe gaben wir unsere Bestellung auf. Wo wir gewesen seien fragte die Chefin des Hauses auf Französisch. „Raie des fesses“ gab Steve zur Antwort. Das verunsicherte sie offenbar und sie drehte verwirrt ab. Der Routenname war uns halt so geläufig geworden, dass wir ihn einfach benutzten, aber bei näherem überlegen wurde uns bewusst, dass wir ihr gerade erklärt hatten, dass wir in der Ritze des Arsches unterwegs gewesen waren. Naja, wir hatten zumindest so ausgesehen.
Später kam der Kellner und er sagte nach dem abkassieren einen Satz zu Steve. Der wiederum konnte ihn nicht verstehen, also dolmetschte ich nach meinem Gefühl, ohne jedoch ein Wort verstanden zu haben. „He said you are looking so fucked up!“ Steve musste lauthals loslachen. Wir verließen das Lokal. Es wurde höchste Zeit, nach Hause zu fahren.

Axel

-->[Nach Oben]<--